Du meintest, ich sollte mir einen französischen Zopf flechten und mein schönstes Kleid aus dem Schrank anziehen. Ich hab auf dich gehört. Am Tisch herrschte eine unsägliche Stille, ich wollte nicht mit ihr umgehen, ich wollte ihr nicht die Hand reichen, um ebenfalls so still wie sie zu sein. Der Kuchen war wie Pappe, eure Gesichter wie Asche, verglüht und unbrauchbar.
Dein Lächeln, welches du mir schenktest, klebte an deinen Lippen, als hättest du Stunden vor dem Spiegel dafür geübt. Vielleicht hast du es sogar, ich könnte es mir vorstellen. Der Wind fegte um das Haus, ihr nahmt ihn nicht wahr, eure Blicke wichen einander aus, sie wichen meinem aus. Ich fand es immer wunderbar, wenn du Blumen auf den Tisch stelltest. Du hattest eine Begabung dafür, die richtigen Arten zusammenzubinden und du wusstest immer, welche Vase perfekt zu ihren Farben passte.
Langsam fragte ich mich, was für ein Tag heute war, du hattest keine Blumen geholt. Dabei liebten wir Blumen so sehr. So sehr, dass wenn wir im Wald waren, sie um unsere Köpfe schwebten. Du hast immer gesagt, sie haben etwas Magisches an sich, ihr Duft würde meine Stimmung verändern und ihre Farbe sagt mir, was passieren wird. Dein Blick glitt immer zum Himmel und du meintest, die Blumen würden von dort oben kommen. Sie würden nachts aus den Wolken fallen, damit ich sie am nächsten Tag schweben sehen konnte.
„Kannst du mir die Schale reichen?“ Du sprachst mich an, wo war der liebliche Ton? Die Wolken verhangen den Himmel und dein Blick folgte meinem durch das offene Fenster. Ich gab dir die Schale, du schautest immer noch zum Himmel.
Schließlich stand ich auf und stellte mich ans Fenster, dachte an unsere Laufruten im Wald, an unsere Verstecke, an deine zerfetzten Sachen, wenn wir immer nach Hause kamen und an den Schlamm in meinem Haaren. Meistens warst du barfuß, weil du die Erde fühlen wolltest. Fühlst du sie immer noch? Ich rieche sie, weil der Regen, der jetzt fällt, den Duft aus ihr lockt und durch die Gräser streifen lässt. Die Erde riecht nach Heimlichkeit und ein bisschen nach Ferne, nach Kork und nach deinem komischen Tee, diese ganz seltsame Sorte, die du aus dem teuren Teeladen in der Stadt kaufst.
Ich fragte mich immer noch, wieso ich ein Kleid anziehen sollte. Was sollte das für ein besonderer Tag sein?
„Ich werde ausziehen“, sagtest du plötzlich und meine Adern atmeten kurz nicht mehr. Der Duft verschwand aus meiner Nase, ich drehte mich um, schloss das Fenster, dein Blick war stur auf die helle Tischdecke gerichtet. Du konntest meinem Blick nie ausweichen, heute schon? Ich fand immer, dass du mit zusammen gebundenen Haaren älter wirktest, hast du sie deswegen heute zusammen gebunden? Damit du die Erwachsene warst, die ausziehen durfte. Die mich allein ließ. Die keine Blumen mehr schweben lassen ließ. Ich wusste es nicht und ich konnte nichts sagen.
Unsere Mutter umarmte dich, fand sie deine Entscheidung etwa gut?
„Wir gehen in den Wald, wenn ich zu Besuch bin?“ Das war eine Frage. Und sie war an mich gerichtet. Ich schaute dich an, versuchte deine Augen zu sehen, sah aber nur eine Maske.
Du warst die einzige, die ich hatte und jetzt bist du weg.
„Meinst du die Wolken lassen Blumen auch am Tag auf die Erde fallen?“
